Leseprobe

Englische Verhältnisse
Rudolf Kempe, 14 Jahre lang Chef des »Royal Philhar-
monic Orchestra«, London, zu einigen Musikern: »In
England sind die Bedingungen für Dirigenten ideal.
Das Verhältnis zu den Musikern ist ganz einfach: Er-
zähle ich ’nen Witz, lachen alle – kann ein Musiker
seine Stelle nicht, fliegt er raus.«

Zu laut
Rundfunkaufnahmen mit Rudolf Kempe. Ein älterer
Schlagzeuger  am  Xylophon.  Als  Kempe  zu  diesem
sagt: »Etwas lauter bitte«, beugt der sich vor, weil er
nicht richtig verstanden  hat, und  macht unbewußt
einen  Schritt  nach  vorn.  Dabei  fällt  das  Xylophon
mit Getöse um. Kempe trocken: »So laut wollte ich
es nicht.«


Im Bilde
Der »Didl-Dadl«  hatte in der Probe während eines
Satzes, in dem er nichts zu spielen hatte, die Bildzei-
tung auf dem Notenpult. Ein Rand davon stand auf
der  Seite  etwas  vor.  Der  Dirigent  Hermann  Hilde-
brandt bemerkte dies und meinte: »Ich wußte ja gar
nicht, daß der Springer nun auch schon Ihre Dienst-
pläne druckt.«

Der  Piccolo-Flötist  fragte  den  Dirigenten  in  einer  Probe:
»Wie  soll  ich  denn  diese  Stelle  spielen:  Didl-Dadl,  oder  Dadl-
Didl?«
Seitdem hieß er: Der »Didl-Dadl«.

Doppelgänger
Der Geiger Rudi Hauer sah dem weltberühmten Pia-
nisten Shura Cherkassky sehr ähnlich. Pikanterweise
saß er, als Vorgeiger der  Ersten  Geigen am  zweiten
Pult,  unmittelbar  hinter  dem  Pianisten.  Das  ers-
te Pult mit den beiden Konzertmeistern saß innen,
dicht neben dem Dirigenten. Das Publikum sah also
von  weitem  Shura  Cherkassky  einmal  als  Pianisten
und gleich dahinter noch einmal als Geiger. Seinen
Humor bewies Cherkassky dadurch, daß er beim Ver-
beugen nach dem Konzert zum Konzertmeister nur
anerkennend hinüberwinkte und dann, statt diesem,
dem Kollegen Hauer die Hand schüttelte, der extra
aufstand. Fürs Publikum sah es so aus, als wenn zwei
Cherkasskys sich die Hand schüttelten und sich vor-
einander verbeugten.
Diese erstaunliche Ähnlichkeit führte sogar die ei-
genen Kollegen in die Irre. Rudi Hauer konnte selbst
beobachten,  wie  der  Cellist  Ture  (Arthur)  Lotz  vor
der Probe auf die Bühne ging, dem übenden Shura
Cherkassky von hinten auf die Schulter klopfte und
anerkennend meinte: »Geh, Rudi, du bist fei a feiner
Pianist.« Erschrocken sprang der Solist auf und der
Musiker  konnte  sich  nur  stotternd  entschuldigen.
Der humorbegabte Pianist hatte Verständnis.

Sehr zusammen
Klavierkonzert mit Shura Cherkassky als Solist und
Eugen Szenkar als Dirigent. Irgendwie konnten sich
die beiden nicht leiden. Dem Dirigenten fiel es schwer,
den agogischen 14  Überraschungen von Cherkassky zu
folgen. Die Proben waren dadurch schwierig und mit
latentem Ärger belastet. Als Szenkar dem Orchester
einschärfte: »Bitte, meine Damen und Herren, pas-
sen Sie hier gut auf. Hier spielt Herr Cherkassky sehr
frei.« sagte dieser abwinkend: »Am Abend spiele ich
diese Stelle sowieso ganz anders.«
Nach dem Konzert, das nicht besonders gut verlief,
verbeugten sich beide vor dem Publikum und Szen-
kar sagte erleichtert zum Pianisten: »Das war ja sehr
schön.« Antwortete dieser ironisch durch die Zähne:
»Und sehr zusammen – sehr zusammen!«

14  Agogik = Kleine, im Notenbild nicht vermerkte Tempoverände-
rungen

Messiaen - ein Fest für Schlagzeuger
Messiaen im NDR-Hamburg